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„Der Bankrott des Sargverkäufers“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt
Gruppenausstellung der Meisterklasse für Bühnengestaltung der Akademie der Bildenden Künste Wien
05–06/1990
im Rahmen der Experimenta 6
inspiriert vom gleichnamigen Text von Heiner Müller (Uraufführung)
Text gesprochen von Otto Sander
"… Der Bankrott des Sargverkäufers" steht auf einem Pfeil, der den Weg zu den Ausstellungsräumen zeigt. Die Wiener Meisterschule für Bühnengestaltung (Leiter: Erich Wonder) hat mehr als achtzig Räume erfunden: als Reaktionen auf einen bisher unveröffentlichten Text von Heiner Müller, geschrieben 1951, wiedergefunden im Nachlaß eines Kollegen. Sechs Schreibmaschinenseiten, ein "Bruchstück".
Der Große Sargverkäufer ist bankrott. Jahrzehnte habe sein Geschäft geblüht, schreibt Müller. Heute ist der letzte Tag. Im Schaufenster hängen noch die alten Schilder: "Sie ruhen preiswert, repräsentativ, bequem." Jetzt stürmt die Menge ins Hinterzimmer, Kunden von damals: Hängt ihn! In der Stadt flattert "die Fahne der Prostitution", und die Mitarbeiter des Sargverkäufers verstehen die Welt nicht mehr. Aus den Brettern werden jetzt Möbel und Tische gezimmert, auf denen die Menge Wurst frißt. Die Leere des Niedergangs. War der Sarghändler nicht Vegetarier? Der Aufstand tobt wie ein Schlußverkauf.
Müller hatte sich als junger Mann an einem Übersetzer-Wettbewerb beteiligt: polnische Gedichte und Stalin-Hymnen für eine Anthologie. 350 Mark pro Hymne habe man bezahlt, sagt Müller. "Vier Hymnen pro Nacht waren drin." Danach gab es einen Wettbewerb für Kurzgeschichten. Dabei sei der "Sargverkäufer" entstanden, eine antikapitalistische Parabel, die sich jetzt – auf einmal ist der Sarghändler nicht mehr Hitler, sondern Honecker – unheimlich verdreht. Es wurde die einzige kleine Uraufführung dieser "Experimenta".
In der Schirn spricht Otto Sander den Text vom Band, die Stimme leicht verzerrt. Über einen breiten Steg aus Brettern, vermutlich günstige Gelegenheiten des bankrotten Sarghandels, betritt man eine Plattform, eine Bühne, begrenzt von drei schwarzen Stellwänden – das Ganze ein Lehrpfad in Müllers Theater. Auf die Bühne selber, behauptet diese Installation, kommt es nicht mehr an. Denn dahinter – "Mit dem Horizont vergeht das Gedächtnis der Küste" – gibt es weitere Räume. Wie durch Schießscharten schaut man durch die schwarzen Wände in die nächste Welt, jede so groß wie ein Bühnenbildmodell.
Einer dieser Durchblicke ist abermals von einer schwarzen Wand verstellt, nur ein paar Steine sind herausgebrochen. Man sieht einen schwarzen Tisch auf einem Lichtrost und auf dem Tisch einen Teller und ein Glas. Nirgendwo ein Mensch. Wenn man sich bückt, sieht man, daß dieser Raum gar kein Raum, sondern ein Stück Landschaft ist, von einer grauen Mauer umgeben und abgesichert wie ein Gefängnis. Wer tief genug in die Knie geht, entdeckt darüber auch den Himmel. Feuer über einem Stück DDR.
Immer wieder Schächte, hinauf und hinunter, Asche und Tunnel, darin Licht, das Strahlung ist. Auch die eher realistischen Entwürfe sind kein bißchen freundlicher: ein gekachelter Duschraum mit blauen Wasserrinnen und in der Mitte ein Opferstein, der von innen leuchtet. In diesen alptraumhaft schönen Räumen gibt es nur noch Abwesenheit, Bootshäuser am Acheron, Schildkröten. Die Ausstellung der Wonder-Schüler ist ein früher Höhepunkt der Müller-"Experimenta".“
Helmut Schödel in „Wir sind ein blödes Volk, Ein Heiner-Müller-Tagebuch zur Frankfurter Experimenta 6"
in der ZEIT am 8. Juni 1990





